Das Bild des Menschen – Allgemeine Philosophie und Wissenschaftstheorie der Evolution

FH Frankfurt
Fachbereich Sozialpädagogik
Oktober 1992
Seminar: Das Menschenbild. . .
Dozentin: Heide Küchler
Referent: Frank Doerr

Thema: ‘Das Bild des Menschen aus der Sicht verschiedener Wissenschaften’ von Prof. Dr. Johann Götschl (Allgemeine Philosophie und Wissenschaftstheorie der Evolution) – Zusammenfassung

1. These: Der Übergang von der biologischen zur soziokulturellen Evolution ist nicht linear

1.1. Dieser Übergang ist derzeit nicht durch wissenschaftliche Theorien darstellbar (auch nicht durch Verknüpfung mehrerer wissenschaftlicher Theorien)
1.2. Die biologische Entwicklung kommt nahezu zum Stillstand. Die aus ihr entstandene soziokulturelle Entwicklung steigt steil an; das Zentrum dieser geistigen Evolution ist die Wissenschaft, unser Wissen über die biologische Evolution ist die soziokulturelle Evolution.
1.3. Die Anpassung wird durch die Gesamtheit der zur Methodenlehre gehörenden Regeln ersetzt. Wir überprüfen unsere Theorien über uns selbst, eine riesige soziokulturelle Leistung.
1.4. Wir können Zukunft nicht planen. Es gibt keine Grenze zwischen wissenschaftlichem und außerwissenschaftlichem Denken.
1.5. Die philosophische Frage nach der Funktion der Wissenschaft ergibt:
1.5.1. Erkenntnisfunktion: Objektives Wissen nur über geordnetes Wissen und geordnete Sprache. 1.5.2. Humanfunktion: Durch Kybernetisierung und Technisierung weg von der
Materialverarbeitung, hin zur informationsverarbeitenden Gesellschaft.
1.5.3. Sozioökonomische Funktion: Exponentielle Entwicklung der Wissensanhäufung macht die Gesamtlage einerseits interessanter und hoffnungsvoller, andererseits auch bedenklicher, da der Mensch die selbst erzeugte Komplexität nicht mehr voll erfassen kann. Die Erkenntnis-,
Human- und sozioökonomische Funktion der Wissenschaft bieten ungeahnte Möglichkeiten.
1.5.4. Destruktivitätsfunktion: Nukleare Industrialisierungsform, erhebliche ökologische Deformation und zehnfache ‘overkill capacity’ zeigt das Destruktivitätspotential von Wissenschaft.
1.6. Die Technologieentwicklung stellte bisher die Fortsetzung der physiologischen Ausstattung und des Sinnapparates des Menschen dar; Technologien von heute sind so komplex, dass diese These aufgrund kategorialer Verschiebung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.

2. These: Das Anwachsen des naturwissenschaftlichen Wissens führt am Ausgang des 20. Jahrhunderts zu einer deutlichen Zunahme der naturtheoretischen Selbstdeutung des Menschen

2.1. Entstehung neuer Typen von Naturwissenschaften mit völlig neuen Denkkategorien, durch die der Mensch zu einem anderen Verständnis von sich selbst gelangt und die Beziehung zwischen Mensch und Natur anders einleitet.
2.2. Menschenbild dieser Wissenschaften:
2.2.1. Erstes Charakteristikum: facettenreiches, aber kein homogenes Bild.
2.2.2. Zweites Charakteristikum: Zunahme des Kohärenzgrades zwischen Mensch und Natur.
2.3. Natur ist ein offener Ordnungszusammenhang, ein interdependentes Relationsgefüge und ein Prozess des permanenten Vollzugs von Individuation.
2.4. Es gibt das Entstehen, Vergehen und Wiederentstehen von Individuen, die aus einem Ganzen hervorgehen. Jedes Individuum repräsentiert das ganze Universum.
2.5. Es gibt einen strukturellen Konnex zwischen der Philosophie Whiteheads und der fünfzig Jahre später entstandenen relativ harten Theorie der Selbstorganisation oder der Ungleichgewichtstheorie. 2.6. In Bezug auf den Zusammenhang mit dem Menschen war die Aussagekraft der
Physik Newtons gleich null. Nach Relativitätstheorie und Quantenmechanik vollzog sich ein kultureller Quantensprung.
2.7. Der Mensch treibt sich durch seine Erkenntnislust voran, stößt dabei auf Inhalte, nämlich die Naturwissenschaften vom Menschen, und sieht sich in diesem Prozess immer mehr selbst dargestellt. .

3. These: Das Zusammenwachsen von Naturwissenschaft und Technik zeigt die Tendenz der Verwissenschaftlichung der Technik und der Technisierung der Wissenschaft.

3.1. Der Mensch ist in der Lage, folgende zwei Funktionen auszuüben:
3.1.1. Die Transformation der Natur.
3.1.2. Der Mensch analysiert den Menschen immer mehr; Möglichkeiten der Transformation menscheninterner Natur.
3.2.. Denkfigur hinter der Wissenschaft: Die Naturwissenschaftler wollen – unausgesprochen – die Singularität je einzelner Menschen aus allgemeinen Prinzipien ableiten; eine gigantische Herausforderung, nicht nur erkenntnistheoretischer, sondern auch ethischer Art.

4. These: Die Technisierung (Kybernetisierung, Computerisierung) lässt die Konturen einer teleologischen Struktur des menschlichen Denkens und Handelns erkennen.

4.1. Der Mensch simuliert die menschlichen Grundeigenschaften in Computern.
4.2. Der Computer erzeugt Simulationsprozesse, die besser simuliert sind, als wir zu erdenken vermögen.
4.3. Hochentwickelte Computer simulieren auch organische, psychische, geistige Phänomenklassen.
4.4. Künstliche Computersprachen haben Rückwirkung auf unsere natürlichen
Sprachen, so dass die Art und Weise, wie wir über den Menschen denken durch diese Algorithmisierung des natürlichen Sprechens, Denkens und Handelns eine Veränderung erfährt.
4.5.1. Die Selbstkybernetisierung der Gesellschaft ist nichts anderes als eine ganz nahe Form der Materialisierung des menschlichen Geistes.
4.5.2. Wenn die menschlichen Vorstellungen nicht ausreichen, macht er sie sich bildlich, indem er die materiellen Äquivalente zu dem baut, was er sich begrifflich ausgedacht hat.
4.5.3. Der Mensch findet offensichtlich im Computer den Ausdruck seines Willens, sich selbst nachzubauen.

5. These: Das Menschenbild, das sich im Werden befindet, das dominant von den wissenschaftlich-technischen Revolutionen konstituiert ist, führt zu einem immer stärkeren Auftreten einer anderen Revolution, der ethisch-anthropologischen Evolution.

5.1. Die Verwissenschaftlichung und Vertechnisierung des Menschen ist die Quelle für die Expansion von Moralität.
5.2. Die historische Entwicklung von menschlicher Verantwortung: Von sich selbst und seiner Familie über den Mensch an sich, expandierte sie im 20. Jhd., schloss Tiere und Pflanzen ein und heute sogar das gesamte Universum, eine mögliche Überforderung.
5.2.1. Die Expansion von Moralität übt einen unerhörten Druck auf unser tradiertes Denken aus, in zunehmendem Maß in Alternativen denken zu müssen.
5.2.2. Verändern sich durch die Selbstmoralisierung des Menschen unsere Vorstellungen darüber, was wir überhaupt unter menschlichem Wissen im Sinne von wissenschaftlichem Wissen verstehen?

Frank Doerr

Dipl. Sozialpädagoge Studium an der FH Frankfurt/Main 1990-1994 Schwerpunkt kulturelle Sozialarbeit Diplomarbeit: Musikalische Gruppenimprovisation in der Sozialpädagogik – Wesen, Wirkung und Möglichkeiten. Fachhochschule Frankfurt/Main am 15.04.94. Parallel Tätigkeiten in der Kinder- und Jugendarbeit (Musikprojekte im Lohwald/Offenbach, Musikprojekte und Einzelfallhilfe im Jugendbüro Eckenheim, Caritas Heddernheim, Stadt Frankfurt), Drogenprävention (Hochtaunus) und individuellen Schwerstbehindertenbetreuung (CeBeF Frankfurt). Danach 1994 – 1997 Kinder- und Jugendhaus Bornheim. 1996 Lehrauftrag an der FH Frankfurt, Fb Sozialpädagogik. 2000-2002 Projektleiter Selbsthilfe im Taunus (SiT). 2002-2005 Jugendberufshilfe KuBi e.V. Ab 2001 parallel freiberuflich tätig, seit 2006 Inhaber und Geschäftsführer zweier Agenturen für Online Marketing. Fachjournalist (bdfj). 2015 Lehrauftrag an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Informationswissenschaften.

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