Rollen- und Interaktionstheorien – Rezeptionen und Verfälschungen

Rollen- und Interaktionstheorien in der Sozialisationsforschung
Rezeptionen und Verfälschungen der klassischen Ansätze
16.01.91
Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich Sozialpädagogik
Dozentin: Professor Dorothee Zahn

Ein neuralgischer Punkt der Konzeption Parsons ist die Frage nach der Verselbständigung und Einheitlichkeit des Wertsystems einer Gesellschaft. Während der von Parsons dominierten Phase der amerikanischen Soziologie tauchte dieses Problem anhand der empirischen Untersuchungen zum Rollenkonflikt auf.

Während Parsons Schule diesen zunächst darunter verstandenen Interrollenkonflikt, d. h. den Konflikt in der Orientierung des Individuums an zwei gleichzeitig, eventuell widersprüchlich gegebenen Rollen durch eine klare Entscheidung zwischen beiden Rollen lösen wollte, differenzierte Merton die Bewältigung dieser Interrollenkonflikte wesentlich genauer.

Mertons Konzeption jedoch liberalisierte Parsons Theorie nur, es erfolgte keine grundsätzliche Transformation. Er schwächte Parsons umfassenden Theorieanspruch ab, wodurch dessen Ehrgeiz, Sozialisation systematisch in eine Gesellschaftstheorie einzufügen, verloren ging. Dies führte zu der Verwendung des Rollenbegriffs losgelöst von aller Gesellschaftstheorie, zum Gebrauch zugeordneter Begriffe ohne weitere soziologische Reflektion.

In dieser verdünnten von Mead und Parsons weit entfernten Gestalt hielt dann die rollentheoretische Begrifflichkeit in Deutschland Einzug.

Ein Schritt, an die Entwicklungen in der amerikanischen Soziologie anzuknüpfen, war Dahrendorfs Versuch „Homo Sociologicus”, der jedoch nur einen Katalog rollentheoretischer Begriffe ohne zugrunde liegende Theorie war und statt dessen nur oberflächlich-spekulative Erörterung bot.

Dahrendorf fügte Begriffe aus der Rollenkonfliktuntersuchung von Gross und der Bezugsgruppentheorie von Merton zusammen und vereinheitlichte sie durch die Einführung des methodischen Postulats eines Homo sociologicus. Dieser Homo sociologicus ist ein Konstrukt, das den Menschen als Rollenträger bezeichnen soll, wobei hier unter Rolle ein Bündel normativer Verhaltenserwartungen an Positionsinhaber zu verstehen ist, und Position hier einen Ort in einem Beziehungsgeflecht darstellt. Dahrendorfs Versuch wurde in Deutschland eine Zeit lang als eine repräsentative Darstellung der Rollentheorie gehalten und wird es z.T. immer noch. Er beherbergt jedoch innere Widersprüchlichkeit und außerordentliche Abweichungen von den Arbeiten amerikanischer Soziologen.

Dahrendorf löste mit seiner Schrift eine bis heute nicht beendete Diskussion aus. Erwähnenswerte Entgegnungen gibt es von Bahrdt, der die Notwendigkeit kreativer Eigenleistungen des einzelnen Handelnden zur Geltung brachte, während Claessens die Dimensionen rationaler Begründbarkeit betonte. Die wichtigste zeitgenössische Entgegnung kam von Tenbrück, der aus seinem Verständnis von Parsons heraus Dahrendorf kritisierte und dessen Mängel hervorhob.

Eine neue Phase beginnt Ende der Sechziger Jahre, in denen verschiedene Autoren mit kritischen Impulsen eine bloße ideologiekritische Ablehnung oder einfache Übernahme des Rollenkonzeptes überwinden. Zu nennen sind Habermas, Dreitzel, Claessens und U. Gerhardt.

Wichtige Schriften gibt es auch von Opp, der sowohl Dahrendorf als auch älteren, behavioristischen Versuchen überlegen ist, da in sein Modell das jeweils gegebene Ziel des Handelnden eingesetzt werden kann und nicht Konformität unterstellt wird. Auch werden zahlreiche weitere Variablen berücksichtigt- Allerdings sind in seinem Ansatz sämtliche wichtige Begriffe der Rollentheorie nicht zu rekonstruieren. Opps Ansatz sieht von Problemen der Interpretation und des nicht-intentionalen Handelns einfach ab. Joas sieht in seinem Werk einen krassen Versuch, die Rollentheorie einer allgemeinen Verhaltenstheorie zu subsumieren.

Auch die Arbeit von Wiswede ist durch ein fundamentales Missverständnis des wissenschaftstheoretischen Status des Rollenbegriffs gekennzeichnet. Lediglich die Arbeiten von Waller sind hier noch hervorzuheben, der die Differenz zwischen den grundlegenden Konzeptionen zu ihrer wechselseitigen Kritik und Ergänzung hin austrägt.

Mead wurde oft falsch wiedergegeben, da seine begrifflichen Analysen recht unscharf sind. Die sich auf ihn berufende Schule des symbolischen Interaktionismus hat einige Klärungen hervorgebracht, vor allem ist hier R.H. Turners Auseinandersetzung mit dem funktionalistischen Rollenbegriff zu nennen, besonders seine Begriffe “role standpoint” und “role-making”.

Der Rollenbegriff des symbolischen Interaktionismus ist dem der strukturell-funktionalen Theorie in einigen Punkten überlegen, hat jedoch auch seine Grenzen, worauf an anderer Stelle näher eingegangen wird.

Frank Doerr

Dipl. Sozialpädagoge Studium an der FH Frankfurt/Main 1990-1994 Schwerpunkt kulturelle Sozialarbeit Diplomarbeit: Musikalische Gruppenimprovisation in der Sozialpädagogik - Wesen, Wirkung und Möglichkeiten. Fachhochschule Frankfurt/Main am 15.04.94. Parallel Tätigkeiten in der Kinder- und Jugendarbeit (Musikprojekte im Lohwald/Offenbach, Musikprojekte und Einzelfallhilfe im Jugendbüro Eckenheim, Caritas Heddernheim, Stadt Frankfurt), Drogenprävention (Hochtaunus) und individuellen Schwerstbehindertenbetreuung (CeBeF Frankfurt). Danach 1994 - 1997 Kinder- und Jugendhaus Bornheim. 1996 Lehrauftrag an der FH Frankfurt, Fb Sozialpädagogik. 2000-2002 Projektleiter Selbsthilfe im Taunus (SiT). 2002-2005 Jugendberufshilfe KuBi e.V. Ab 2001 parallel freiberuflich tätig, seit 2006 Inhaber und Geschäftsführer zweier Agenturen für Online Marketing. Fachjournalist (bdfj). 2015 Lehrauftrag an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Informationswissenschaften.

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